Die Krähen schrei’n

Liebe P.,

draußen wird es kälter, Herbst und Winter stehen vor der Tür und ich freue mich – wie jedes Jahr – so sehr auf den grauen Himmel über Berlin. Dein Vater kann das überhaupt nicht verstehen, und die meisten anderen auch nicht. Aber dieses Grau passt eben gut nach einem solchen Jahr, das – wie jedes Jahr – so ungeheuer voll war, atemlos und ohrenbetäubend laut: Weiterlesen „Die Krähen schrei’n“

Unwort zum Sonntag

Lieber D.,

Gestern, auf einem Spielplatz an der Schillerpromenade, da fing ich die Wortfetzen eines Gesprächs zwischen zwei Elternteilen auf, während du gerade auf der Rutsche darauf wartetest, dass die Bahn frei wird. Es ging darum, wie man sein Kind am besten erziehen soll, wo Grenzen Sinn machten und welche Tugenden unumgänglich seien. Man stritt sich wohl, soweit ich das von weitem richtig verstand, um zwei Modelle, die in entsprechenden Büchern nachzulesen und richtiger seien als alle anderen.  Weiterlesen „Unwort zum Sonntag“

Fünf Sterne

Liebe P.,

du bist in etwas ganz schön Anstrengendes hineingeboren, kleine Dame. Wenn ich mir Fotos ansehe von früher, als ich so winzig war wie du jetzt, dann wünsch ich mir das alles irgendwie zurück, obwohl ich Nostalgie eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Aber vielleicht wäre es netter für euch Kinder. Ein Leben ohne Netz, ohne Selbstoptimierung, ohne Konkurrenzkämpfe. Und ohne Daten, die ein Mensch, sogar ein so kleiner wie du, mit dem ersten Herzschlag produziert und die unmittelbar erfasst und für immer gespeichert werden. Weiterlesen „Fünf Sterne“

Caribou

Liebe P.,

es passiert, dass ich mit dir durch die Straßen laufe und ganz unvorbereitet auf jemanden stoße, den ich lange nicht gesehen habe. Der oder die kann dann gar nicht fassen, was passiert ist. Und nach einigen belanglosen Sätzen, die man gesagt hat, um aus einer unguten Stille einen ebenso unguten, aber erträglicheren Lärm zu machen, kommt irgendwann die Frage meines Gegenübers, ob das, was da an meinem Bauch schläft, nicht alles extrem verändert habe, gewissermaßen „das ganze Leben“… Weiterlesen „Caribou“

Trump und die Feuerwehr

Lieber D.,

neulich fragte ich deinen Vater, wie er dir in zwei oder drei Jahren erklären würde, wer dieser Donald Trump eigentlich ist oder war; welche Erklärungsversuche geeignet seien unter Vermeidung der Begriffe „gut“ und „böse“. Dein Vater überlegte kurz und sagte dann: „Warum sollte man „gut“ und „böse“ in diesem Fall vermeiden? Ich würde sagen: Das ist ein sehr böser alter Mann, der sehr böse Dinge getan hat.“ Weiterlesen „Trump und die Feuerwehr“

Leichter als Luft

Liebe P.,

heute haben wir alle zusammen gefeiert, den Geburtstag deiner Oma. Luftballons haben wir steigen lassen bis unter die Decke des über drei Meter hohen Raums in einer dieser klassischen Altbauwohnungen in West-Berlin. Während der Vorbereitungen warst du ganz still. Lagst da auf dem grauen Sofa und hast uns mit deinen weisen Augen angesehen; bist, wenn mich nicht alles täuscht, den bunten Ballons in ihrem Aufsteigen gefolgt, bis sie da oben von einer Betonschicht aufgehalten wurden. Weiterlesen „Leichter als Luft“