Nikolaustag

Lieber D.,

Ich stehe in der S-Bahn. Meine rechte Hand hält den Kinderwagen, mit der linken stütze ich deinen Kopf. Die Leute, die hier mit uns einsteigen, verschmelzen zu einer herzlosen Masse. Es ist egal, wie klein Ihr seid: Hier müsst Ihr irgendwie durch. Hier wirst du zu einem Ellenbogen- und Großstadtkind, das lediglich von A nach B wollen darf und sonst nichts. Weiterlesen „Nikolaustag“

Hey, alles glänzt, so schön neu*

Liebe P., lieber D.,

lange Zeit habe ich keinen Brief geschrieben. Nun sind wir fort aus Neukölln. Der neue Platz heißt Friedenau. Also eigentlich ist es Steglitz, aber da unsere Wohnung genau auf der Grenze liegt, darf man auch Friedenau sagen. Ist mir lieber, weil ich bei Steglitz immer an fensterhohe Kakteen denken muss, und diese Kakteen, die riechen dann auch noch nach Fritteuse. Damit tue ich Steglitz vielleicht Unrecht, aber –  Weiterlesen „Hey, alles glänzt, so schön neu*“

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Lieber D,

gewichtige und glitzernde Tage liegen hinter uns. Du bist „twei“ geworden. Und alle waren da. Deine großen und kleinen Freunde, Onkel, Tante, Neffe, deine Omas und Opas, die ich selbst auch dir gegenüber lieber mit Vornamen anspreche, weil sie mir gar nicht so alt vorkommen, wie diese Worte „Oma“ und „Opa“ immer so meinen… Weiterlesen „2“

Herbstanfang

Liebe P.,

es ist Ende September 2017. Uns erreicht ein erster Schwung Herbstmelancholie. Eine Familie zu sein, macht angreifbarer als ich dachte. Die gesamte Außenwelt kennt uns besser als wir uns selbst, verortet uns oberhalb oder unterhalb der mittleren Kurve, die Auskunft über den Glücklichkeitsgrad einer Durchschnittsfamilie gibt, im Idealfall Weekendfeeling mit Erdbeergeschmack und ganz viel Liebe, Organisation und Perfektionismus in den Ritzen einer Vier-Zimmer-Altbau-Wohnung in einem gentrifzierten Stadtteil, sagen wir, Neukölln.  Weiterlesen „Herbstanfang“