Auf der Tenne

Lieber D.,

es ist Sonntag. Wir sitzen in einem Bus, der uns hinaus trägt, immer weiter in Richtung Stadtgrenze, vorbei an prachtvollen Gebäuden, manche davon ausladende Gründerzeitvillen, andere schlecht nachgebaute Kopien mit hässlichen Eingangssäulen, deren zitronengelber Anstrich mächtig in den Augen brennt. Unser Ziel ist mir ein bisschen peinlich. Andererseits kommen wir durch dich und P. ständig an Orte, die uns sonst im Leben nicht untergekommen wären. Orte, deren Existenz bislang außerhalb meiner eigenen Vorstellungskraft lagen, Parallelgesellschaften, Mikrokosmen. Und die mag ich ja sehr.

Mochte ich schon immer, schon in der Schulzeit, als ich nebenbei für Zeitungen mit Stift und Notizblock in den klassischen Kaninchenzüchter- und Reservistenvereinen saß und in eine vollkommen andere Welt hineinsehen konnte. Und woraus bestehen diese anderen Welten heute? – Bei P. sind es gerade bunt gebatikte Gemeinschaftsräume in Nachbarschaftshäusern, wo Babys ins Gespräch kommen und Eltern sich gegenseitig komisch finden. Bei dir dagegen sind es immer öfter solche Orte wie dieser, an dem uns der Bus der Linie 115 schließlich absetzt.

Ausgehend von schneeweißen Bungalows hinter riesigen Zäunen, auf deren Zinnen alle paar Meter High-Tech-Kameras unsichtbare Grundstücke bewachen, führt ein Kiesweg in ein dichtes Waldstück.

Minuten später stehen wir auf einer Lichtung, die von einem guten Dutzend Blockhäusern eingefasst ist. Hinter zwei Bäumen voller Klaräpfel weiden Schafe auf einer Wiese, weiße und schwarze, kahle und wollige. Du bist völlig außer dir. Schlüpfst unter dem Bügel deines Buggys hindurch und rennst von Sensation zu Sensation – und sensationell ist alles, woran du hochklettern kannst, und außerdem jedes Tier und grüne Wiesen ohne Absperrband.

Die meisten Leute hier tragen bodenlange Leinengewänder. Außerdem haben sie riesige Holzschuhe an den Füßen und die Haare stecken unter beigen Häubchen. Geld, sagen sie, bekommen sie dafür nicht. Wir fragen, wie oft sie hier sind. „Jeden Tag“, sagen sie. Das sei ihr Hobby, etwas, das ihr Leben ausfülle. Manche von ihnen sind freundlich, kennen sich mit der Zeit, die sie hier täglich nachspielen, wirklich aus und sind gute Geschichtenerzähler. Andere haben diese Art von Arroganz an sich, die den Stolz auf die eigene Engstirnigkeit spiegelt; die fensterlose Blockhütte mitten in der Stadt, in die sie sich zurückgezogen haben, weil es draußen keinen Platz mehr für sie gebe. Diejenigen scheinen fest davon überzeugt zu sein, im 12. Jahrhundert zu leben, und ich muss dir die ganze Zeit zusehen, wie du zwischen originalgetreu nachgebauter Schmiede und Gasterey kreischend hin- und herrennst, und dabei frage ich mich, was dich wohl irgendwann antreibt.

Ich habe immer gedacht und denke es noch, dass doch jeder etwas braucht, das einen brennen lässt. Naja, so eine Art Vision, eine große Idee oder ein Thema, an dem man sich abarbeitet, das einen voranbringt und das einem allein gehört und auch schützt vor den traurigen Nebenwirkungen, die das Leben nun mal hat. Was wird das bei euch sein, bei dir und bei P.? Und warum kommen mir diese schnitzenden Männer und diese webenden Frauen so eigenartig vor, zumindest diejenigen, die keine Geschichte erzählen, sondern die sich als Ausstellungsstück in ihrem Dasein einrichten und so grantig dreinschauen, sobald sich einer von uns „Jetzigen“ nähert.

Natürlich, jeder soll tun und lassen, was er will. Aber ich spreche ganz allgemein von einer Hermetik, dieser Verschlossenheit in manchen Gesichtern und dabei wünsche ich euch bloß, dass ihr beweglich bleibt. Im Kopf und auf der Wiese, wo du gerade deine mittelalterlichen Purzelbäume schlägst. Wünsche dir und P., dass ihr euch nicht zurückziehen müsst in vergangene Zeiten. Dass ihr euch darüber bewusst bleibt, dass das Leben nicht auf ein paar künstlich angelegten Quadratmetern stattfindet, sondern überall, und dass sich jeder neue Gang lohnt, auch der abwegigste. Oder vor allem der abwegigste. –

Zurück im 21. Jahrhundert, gegenüber unserer Bushaltestelle, wird die Straße aufgerissen. Du drehst noch einmal richtig auf, und wir überlegen, ob wir nächste Woche mal wieder auf die Großbaustelle nach Nordneukölln fahren. Da steht gerade ein Saugbagger. Das wäre doch was?

Deine A.

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