An der alten Mälzerei

Liebe P.,

heute fuhren wir mit dem Bus, du und ich, von Endstation zu Endstation. Ich musste auf eines der düsteren Berliner Ämter, aber ich mag solche Unternehmungen mit dir. Du wickelst die Menschen sofort um den Finger. Vorhin zum Beispiel, den alten Mann mit der beige-gelben Jacke und den beige-gelben Haaren, der erst fluchend den Bus betritt. Ich sehe ihn an und schließe Wetten mit mir selbst ab, zähle rückwärts, zehn, neun, acht, sieben, da treffen sich eure Blicke und das faltige Gesicht wird mit seinem Lächeln richtig glatt gezogen. Zuerst wehrt er sich dagegen, aber dann hast du ihn.  Weiterlesen „An der alten Mälzerei“

Südsee und Sibirien

Liebe P., lieber D.,

wir leben jetzt seit etwa vier Monaten auf der Baustelle. Na gut, Baustelle, das klingt wie bröckelnder Betonboden zwischen nackten Durchbrüchen und Nebelschwaden, die bei jedem Atemzug vor den vier Mündern aufziehen. Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Hier und da steht ein Ölradiator. Der Raum, in dem wir uns zu viert meist aufhalten, ist nicht klein. Aber wir sind die Abwesenheit von Rückzugsorten nicht gewohnt. Weiterlesen „Südsee und Sibirien“

An die Luft

Ihr Zwei,

eine komische Zeit. Das Land, in dem wir leben, bastelt gerade an einer neuen Regierung. Wie erklärt man das? So viele Worte, die immer nebenbei fallen, während du, D., das Schienennetz verlängerst, damit deine Batterie-Lok unter dem Schrank hindurch und bis zum Esstisch fahren kann: Koalitionsverhandlungen. Sondierungsgespräche. GroKo, Abstimmung, das Scheitern, die Hetze, der Aufstand, Fragezeichen.  Weiterlesen „An die Luft“

Himmel, bunt!

Liebe P. und lieber D.,

2018 ist jetzt da. Weihnachten, der Jahreswechsel, alles ist rasend schnell an uns vorbeigezogen. Wir waren zusammen in Prag. Auf dem Mond. In der Unterwelt. Sind Zug gefahren. Bagger gefahren. Boot gefahren. Bus gefahren. Vorbei an den bunten Lichtern, deren Reste noch immer die Balkone beleuchten, weil sich die Weihnachtsmenschen vom Glitzer nicht trennen können. Weiterlesen „Himmel, bunt!“

Nikolaustag

Lieber D.,

Ich stehe in der S-Bahn. Meine rechte Hand hält den Kinderwagen, mit der linken stütze ich deinen Kopf. Die Leute, die hier mit uns einsteigen, verschmelzen zu einer herzlosen Masse. Es ist egal, wie klein Ihr seid: Hier müsst Ihr irgendwie durch. Hier wirst du zu einem Ellenbogen- und Großstadtkind, das lediglich von A nach B wollen darf und sonst nichts. Weiterlesen „Nikolaustag“