Dämmerlicht

Lieber D., liebe P.,

ich habe Euch sehr lange nicht geschrieben. Das hatte viele Gründe. Die Baustelle in der Wohnung, sie wandert. Ein Zimmer, das eben noch unzugänglich war, bricht plötzlich auf und lässt uns rein. Ein anderes Zimmer dafür ist bis an den Rand gefüllt mit lebensgefährlichem Werkzeug, Hammer, Säge, Winkelschleifer, dazu Nägel, die aus dem Holzboden ragen, rote Rohre, Eisenstangen, „vielleicht“, sagt Euer Vater, „vielleicht hat das alles an Weihnachten ein Ende.“ Vielleicht. – Wir haben uns irgendwie gewöhnt an die Enge. Es gibt eine Menge Leute, die mit sehr viel weniger Platz auskommen müssen, und Euch interessiert ohnehin nur der Platz, auf dem Ihr Eure Spielzeugsäcke entleeren könnt – und den gibt es doch immer.

Und ich? Ich bin in fremden Spielen.

Habe den ganzen Sommer über geschrieben, tagsüber, stundenlang, bis ich Euch abgeholt habe oder Ihr mit Eurem Papa nach Hause gekommen seid und Euch gefreut habt, mich dort hinten auf dem kleinen Stückchen Wiese am improvisierten Schreibtisch am Laptop sitzen zu sehen. Der Fuchsplatz, hast Du, D., dazu gesagt, nachdem ich Dir erzählt habe, dass mich immer mittags, gegen 12, ein Fuchs besuchen kommt. Das war tatsächlich so, den ganzen Hochsommer über. Er kam und setzte sich mitten auf den asphaltierten Weg, dann sah er mich kurz an und verschwand so schnell, wie er gekommen war. Immer mittags, gegen 12, blieb die Zeit stehen.

„War der Fuchs heute wieder da?“, fragst Du auch jetzt noch. Dabei ist inzwischen November, und der Fuchs ist seit mehr als zwei Monaten nicht mehr aufgetaucht.

Freitag, Anfang November, 11 Uhr, Berlin-Mitte

Ich sitze in einem Großraumbüro in der Chausseestraße. Ein schönes Haus von außen. Drinnen ist es allein wegen der Bücher auch nett, aber es riecht so fremd. Vielleicht auch, weil ich weiß, dass ich jetzt spielen muss. Vorstellungsgespräche können ungeheuer absurd sein. Es heißt, man müsse sich verkaufen können. Sich verkaufen. Ich hoffe, dass ich zu Euch beiden niemals sagen werde: „Ihr müsst Euch eben gut verkaufen können.“ —  Eine altehrwürdige Einrichtung. Traditionsunternehmen. Der gutverdienende männliche Chef oben, die schlechtverdienenden Mitarbeiterinnen unten. Alle lächeln. Ich sitze ihnen gegenüber und bin dabei, mich zu verkaufen. Das Spiel unter den Erwachsenen unterscheidet sich sehr vom Spiel unter den Kindern. Ich spiele lieber die Spiele der Kinder, weil ihre Regeln bunter sind – und nicht so einfach.

Ich habe hier, an diesem Tisch, gegenüber jenen, die mich bewerten, beurteilen, über mich entscheiden, Buzzwords in meinem Mund gelagert und warte auf entsprechende Zeichen, damit ich sie rauslassen kann. Ich spiele ihr Spiel. Manchmal finde ich das so lustig, dass ich lachen muss. Vielleicht, denke ich später, ist die Diskrepanz zwischen der absoluten Ehrlichkeit in der Kinderwelt und der absoluten Unehrlichkeit in der Erwachsenenwelt so groß, dass man einfach plötzlich lachen muss und auch Lust bekommt, aufzustehen und zu rufen, dass wir doch alle Menschen sind und dass es unnötig ist, in diese und in jene Rolle zu schlüpfen und dabei zu vergessen, wer man eigentlich ist. Das scheint mir aus der Zeit gefallen. Und ich sitze da und beantworte ihre Fragen und würde am liebsten aufhören und mich an den Schreibtisch setzen und anfangen zu schreiben, zu telefonieren, etwas zu tun, was weit über den Selbstverkauf hinaus geht. Blicke fallen auf Informationen. Alle lächeln. Alle lächeln.

Als ich Euch beide am Abend treffe, treffe ich den Boden. Wenn Ihr mich anseht, dann meint ihr mich. Wenn ihr mir nette Dinge sagt, dann gibt es keinen Zweifelt daran. Wenn ihr lacht oder lächelt, dann bedeutet das nicht mehr als ein Lachen oder ein Lächeln.

Es wird sich bald einiges ändern. Ich werde nicht mehr so viel Zeit für Euch haben. Ich werde öfter „meine Nerven suchen müssen“, wie Du, D., das immer sagst. Das Wort „Organisation“ wird lauter ausgesprochen werden. Aber hey, vielleicht hat unsere Baustelle an Weihnachten ein Ende. Dann können wir uns bewegen, können toben in den freien Zeiten. Es gibt nie nur das Dunkle oder das Helle. Im Dämmerlicht sehen Weihnachtskerzen am schönsten aus.

Küsse.

A.

An der alten Mälzerei

Liebe P.,

heute fuhren wir mit dem Bus, du und ich, von Endstation zu Endstation. Ich musste auf eines der düsteren Berliner Ämter, aber ich mag solche Unternehmungen mit dir. Du wickelst die Menschen sofort um den Finger. Vorhin zum Beispiel, den alten Mann mit der beige-gelben Jacke und den beige-gelben Haaren, der erst fluchend den Bus betritt. Ich sehe ihn an und schließe Wetten mit mir selbst ab, zähle rückwärts, zehn, neun, acht, sieben, da treffen sich eure Blicke und das faltige Gesicht wird mit seinem Lächeln richtig glatt gezogen. Zuerst wehrt er sich dagegen, aber dann hast du ihn.  Weiterlesen „An der alten Mälzerei“

Südsee und Sibirien

Liebe P., lieber D.,

wir leben jetzt seit etwa vier Monaten auf der Baustelle. Na gut, Baustelle, das klingt wie bröckelnder Betonboden zwischen nackten Durchbrüchen und Nebelschwaden, die bei jedem Atemzug vor den vier Mündern aufziehen. Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Hier und da steht ein Ölradiator. Der Raum, in dem wir uns zu viert meist aufhalten, ist nicht klein. Aber wir sind die Abwesenheit von Rückzugsorten nicht gewohnt. Weiterlesen „Südsee und Sibirien“

An die Luft

Ihr Zwei,

eine komische Zeit. Das Land, in dem wir leben, bastelt gerade an einer neuen Regierung. Wie erklärt man das? So viele Worte, die immer nebenbei fallen, während du, D., das Schienennetz verlängerst, damit deine Batterie-Lok unter dem Schrank hindurch und bis zum Esstisch fahren kann: Koalitionsverhandlungen. Sondierungsgespräche. GroKo, Abstimmung, das Scheitern, die Hetze, der Aufstand, Fragezeichen.  Weiterlesen „An die Luft“

Himmel, bunt!

Liebe P. und lieber D.,

2018 ist jetzt da. Weihnachten, der Jahreswechsel, alles ist rasend schnell an uns vorbeigezogen. Wir waren zusammen in Prag. Auf dem Mond. In der Unterwelt. Sind Zug gefahren. Bagger gefahren. Boot gefahren. Bus gefahren. Vorbei an den bunten Lichtern, deren Reste noch immer die Balkone beleuchten, weil sich die Weihnachtsmenschen vom Glitzer nicht trennen können. Weiterlesen „Himmel, bunt!“