Herbstanfang

Liebe P.,

es ist Ende September 2017. Uns erreicht ein erster Schwung Herbstmelancholie. Eine Familie zu sein, macht angreifbarer als ich dachte. Die gesamte Außenwelt kennt uns besser als wir uns selbst, verortet uns oberhalb oder unterhalb der mittleren Kurve, die Auskunft über den Glücklichkeitsgrad einer Durchschnittsfamilie gibt, im Idealfall Weekendfeeling mit Erdbeergeschmack und ganz viel Liebe, Organisation und Perfektionismus in den Ritzen einer Vier-Zimmer-Altbau-Wohnung in einem gentrifzierten Stadtteil, sagen wir, Neukölln. 

Gestern, liebe P., war ich noch ein Punk! Naja, ich habs zumindest immer so gesagt, habe jede Form von Mittelmäßigkeit gehasst und bin an freien Tagen in eins dieser schäbigen Spielcasinos oder in wirklich düstere Eckkneipen gegangen, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, deren Lebensweise ich verstehen wollte. Auf den Ohren lag in öffentlichen Verkehrsmitteln Musik, die aus weißen Riesenkopfhörern in mein Gehirn strömte; ich hatte dabei immer diese Idee, dass mich jemand beobachten und anhand des stummen Taktes, den ich mit den Fingern auf die Knie pochte, erkennen würde, welches Lied gerade dran war, und dass dieser Jemand mich dann kurz vor der Endhaltestelle aufhalten würde – und so weiter. Abends saßen wir in Parks und haben uns Geschichten erzählt, manchmal auch vorgelesen. Und wenn ich allein war, dann ließ ich die Beine aus dem Fenster im vierten Stock baumeln und hörte ohrenbetäubend laut Shining Escalade, bis mich die Helene-Fischer-Schleife aus dem Erdgeschoss abwürgte. – All das mache ich jetzt nicht mehr. Und trotzdem ist es noch da. Warum ich dir das alles erzähle? Nur um dir zu versprechen, dass ich bleibe, wer ich bin:

Immer, wenn wir unsere Nachbarn an den Briefkästen treffen, hallen ganz bestimmte Sätze durchs Treppenhaus: Reiß dich zusammen! Hab dich nicht so! – Diese an die Kinder gerichteten Sätze sind in eine schrille, die Ohren zersägende Stimme gegossen, und ich höre sie nicht zum ersten Mal. Ich höre sie ständig, diese Sätze, auf Spielplätzen zum Beispiel oder in Supermärkten. Müssen sich Charaktere mitsamt der Körperhaltung und der Stimme denn so extrem verändern, nur weil man jetzt öfter „wir“ sagt und weniger „ich“, weil man Kinder bekommen hat und zufällig ein bisschen größer ist als die kleinen Menschen, so rein in Zentimetern, meine ich? Ich stelle mich vor den Spiegel und schau mal, wie mir diese Sätze, die ich so oft höre, stehen. Ich rufe mir entgegen, „Da bist du selber schuld!“, „Aus dir wird nie etwas!“, und meine Stimme verändert sich dabei ganz komisch, ich sehe aus wie beim Fasching, obwohl ich nicht verkleidet bin.

Ich erzähle dir ziemlich oft von der ganzen Musik, von den Nächten in unterirdischen Clubs, von den Stroboskopen und Menschenschlangen, weil das schöne Geschichten sind und du ja wissen musst, mit wem du es zu tun hast. Ich werde mich sicher oft wiederholen, weil ich diese Geschichten selbst so mag. Aber dafür wird mir keiner dieser Sätze mit diesen Rufzeichen am Ende je über die Lippen kommen, auch wenn der Eindruck entsteht, dass ein solcher Ton zum Familiendasein dazugehört.

War übrigens ein schöner Tag, heute! Hast du den Himmel gesehen?

Deine A.

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