Klein Wesenberg

Liebe P.,

wir sind aufs Land gefahren. Andere Welt. Die Welt aus D.’s Wimmelbüchern. Alles bunt, bunte Blumen, wilder Garten, zwischendrin ein Kräuterbeet. Bullerbü, Petterson und Findus, Småland, fünfeinhalb Tage zur Erdbeerzeit…

…und ich halte immerzu Ausschau nach D., hier könnte er auf so vieles zeigen, ohne ständig umblättern zu müssen. Wo ist die Schaukel? Wo der Käfer? Und wo der Maulwurfshügel? D. würde hier wie besessen umherrennen, den Garten auf und ab, und er würde schreien, wow!, wow!, sich immer wieder rückversichernd unserer Blicke, wie wir ihn anlachen, uns nicht abwenden können von seinem Überschwang und dabei selbst ganz neu verliebt sind in das alles um uns herum.

Der Garten in seiner Unordentlichkeit ist atemberaubend perfekt. Ebenso das Haus und die Einrichtung darinnen. S. hat immer viel von diesem Platz erzählt, außerdem lukte er aus ihrem Schreiben, aus ihren Geschichten und Büchern ständig irgendwo hervor, sodass es beinahe eine Art Sehnsuchtsort für mich war, an dem ich jetzt zusammen mit dir zum ersten Mal bin. Wir beide, du und ich, sind in die Buchseiten hineingestiegen und sitzen jetzt da, ich selbst ein bisschen wirr und weggetreten, das allzu Perfekte macht mich auch immer nervös, jedenfalls anfänglich. Nervös und auch ziemlich ungelenk und blöd, wie heute morgen, als ich mit dir aus dem Fenster gehüpft bin, weil ich meinte, jemand hätte uns im Badezimmer eingesperrt.

Um ins hellhölzerne Badezimmer, das vor allem eine Sauna ist, zu kommen, müssen wir aus dem Stübchen, wie S. unsere kleine Unterkunft nennt, heraus und durch die Halle, die früher ein Stall gewesen sein muss, durch die gegenüberliegende leicht erhöhte Tür. Ich zog sie von innen zu und hängte den Haken in die Öse. Wenig später versuchte ich, mit dir im Arm, die Tür zu öffnen. Aber seit ich einmal eine ganze Nacht lang in einem italienischen WC-Kabuff eingesperrt war, fasse ich in solchen klaustrophobischen Situationen keinen klaren Gedanken und bin zur Logik unfähig. Also öffnete ich das Fenster und – –

Die Geräusche hier sind andere. Sie sind kontinuierlicher. Gleichmäßiger. Überfallen einen nicht so wie zuhause, wo ein Martinshorn nach dem nächsten an uns vorübersaust und ich dir von Mal zu Mal deine kleinen Ohren zuhalte, während du zusammenzuckst und mit den Beinen strampelst. Aber hier? – Die Wasseraufbereitung, die Lüftung, das Zirpen der Grillen, das scharfe Singen der Mücken, die Motoren der Traktoren, die um den unordentlichen perfekten Garten herum die Ernte einholen. Ziemlich spät, aber so ist das in einem Jahr, dessen Witterung die Existenz der Bauern bedroht, sollte es sich noch einmal wiederholen. Wie anders das Leben, die Sprache. Wir reichen uns beim Essen den Auftulöffel. Am Nachmittag wird der Stall ausgemistet. Während ich mit dir auf dem Schoß im Garten liege, versammelt sich ein halbes Dutzend Hühner um uns herum und gackert uns in den Schlaf. Unter dem Glas auf dem Küchentisch sitzt ein schwarzer schwach gemusterter Käfer, der erst noch bestimmt werden muss, wahrscheinlich (im ungünstigen Fall) ein Holzbock. Drei Apfelbäume sind beinhahe ertrunken, der eine trägt, erzählte S., eigentlich mehr Äpfel als Blätter. Pfannkuchen in Herzchenform. Die frische Gülleluft vermischt sich auf der Schwelle mit dem Duft nach selbstgekochter Pflaumenmarmelade. Und drumherum das ganze Gold in und über den Feldern, das sich auf die Augen legt wie eine glitzernde Decke.

Von all dem habe ich dir gestern Nacht noch erzählt, als du nach deiner letzten Milchmahlzeit nicht gleich schlafen, sondern erst noch feiern wolltest, immerhin war Sonntag. Ich habe das Fenster geöffnet und ein paar Hofspinnen hereingelassen und dir dann Peterchens Mondfahrt in der allerschönsten ursprünglichen Version vorgelesen. Du hast längst geschlafen, als ich damit fertig war.

Deine A.

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