G. Halsband

Lieber D.,

Du bist über Nacht krank geworden, hast wieder einmal hohes Fieber, über 39. Trotzdem brauchten wir nach einem arbeitsintensiven Vormittag alle frische Luft, ich bin also mit dir und P. über den St. Thomas Friedhof gelaufen, das ist einer von ziemlich vielen riesigen Friedhöfen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Sobald man durch das Tor geht, ist es still. Und man gelangt von hier aus über von Moos bewachsene Verbindungspfade auf zwei andere Friedhöfe, ohne zwischendurch auf die laute Hermannstraße zu müssen, wo sich die offiziellen Eingänge befinden.

Jeder der drei Friedhöfe hat einen eigenen Charakter, obwohl sie so nah beieinander liegen. Und in bestimmten Ecken, hinter Büschen und auf morschen Bänken sitzen vereinzelt Menschen, die offenbar ihre Ruhe haben wollen und sich zugleich darüber freuen, dass wir da sind. Ist doch komisch, oder? Die Parkanlagen am Tempelhofer Feld und an der Schierker Straße sind voll, aber auf den Friedhof will fast niemand gehen, obwohl es hier kaum Lärm gibt. Ich glaube, um den Verkehr zu hören, muss man sich richtig anstrengen…

Du hängst in deinem Buggy mit traurigen Augen und roten Fieberwangen, ein bisschen so, als seien wir gerade auf einer Beerdigung gewesen. Alle paar Meter hellt sich deine Miene aber ordentlich auf, denn da kommen tropfende Wasserhähne in dein Blickfeld, und wo Wasser ist, da bekommst du gute Laune, ganz egal, wie hoch die Temperaturen oder wie stark die Halsschmerzen oder wie schwer die Augen sind. Du zeigst mit deinem Finger dorthin zu den Gießkannen und willst jetzt unbedingt raus und planschen, aber ich bin die vernünftige „Mama“ und lasse dich nicht. Ich mags nicht, wenn ich so bin. Ich kann dann auch meine Stimme nicht leiden, dieses betonte Von-oben-herab, dieses arrogante Ich-meins-doch-nur-gut-mit-dir, bäh. Mir bleibt nichts übrig, es geht dir nicht gut und ich streichle über deine Wange und versuche zu erklären, warum eine Wasserschlacht nicht die beste Idee ist, heute.

Ausgerechnet heute… Du bist sonst immer so schnell und laut und aufgeregt, rennst durch die Gegend und lachst wie ein kleiner Clown, wenn ich dir in den Nacken pruste. Jetzt bist du erschöpft und du kannst dich nicht so bewegen, wies deiner Natur entspricht, und das macht dich ziemlich wütend. Und mich auch.

Ich wäre gerade gern mit euch am Meer, denke ich, als ich mit dir und P. an einem Grabstein vorbeilaufe, auf dem „G. Halsband“ steht. Ich bin so in diesen Meer-Gedanken versunken, dass mir erst zuhause auffällt, was für ein seltsamer Name das ist. Jedenfalls: Es ist noch nicht lange her, kurz vor P.s Geburt, da waren wir gleich drei Wochen lang am Meer. Du hast damals ziemlich viel geweint, weil ich ja hochschwanger war und du ständig so schnell, wie du nur konntest, über den Strand in Richtung Wellen gelaufen bist, und ich dich immer wieder davon abhalten musste.

Du willst es andauernd berühren, das Wasser, und das Meer war so unvorstellbar groß, dass du gar nicht genug staunen und gucken konntest. Du standest am Wasser und sahst in die Wellen hinein, und dann hast du einen Stein nach dem anderen hineingeworfen und dich von Plitsch zu Platsch mehr darüber gefreut. An manchen Tagen habe ich es nicht geschafft, dich von da wegzuholen, auch nach vielen Stunden nicht. Ich habe alles versucht, aber du mit deinen noch nicht ganz zwei Jahren bringst, wenn es ums Wasser geht, derartige Kräfte auf, dass man nichts auszurichten vermag.

Wir haben die Friedhöfe inzwischen hinter uns gelassen und steuern auf das Tempelhofer Feld zu. Ein riesiger Drache in Segelbootform steigt über uns auf, und ich sehe deinen Zeigefinger hochschießen und höre deine helle tolle laute plötzliche Stimme: Da, da, daaaaa!! Wenn das Fieber ein ängstliches ist, hat es jetzt hoffentlich einen Schreck bekommen und verzieht sich…

Deine A.

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