Unwort zum Sonntag

Lieber D.,

Gestern, auf einem Spielplatz an der Schillerpromenade, da fing ich die Wortfetzen eines Gesprächs zwischen zwei Elternteilen auf, während du gerade auf der Rutsche darauf wartetest, dass die Bahn frei wird. Es ging darum, wie man sein Kind am besten erziehen soll, wo Grenzen Sinn machten und welche Tugenden unumgänglich seien. Man stritt sich wohl, soweit ich das von weitem richtig verstand, um zwei Modelle, die in entsprechenden Büchern nachzulesen und richtiger seien als alle anderen. 

Erziehung. In einem dieser ersten Blogbeiträge schreibe ich, dass es für mich kaum ein abschreckenderes Wort gibt. Aber warum eigentlich, ich meine: Was ist an dem Wort dran, dass meine Zunge pelzig wird und ich dich und P. schnappen und durch tausend Pfützen springen will, nur möglichst weit weg von Spielplätzen, die von Eltern und ihren favorisierten ausgestellten Erziehungsmodellen nur so wimmeln? – Seit es das Internet gibt, lässt sich zu jeder Frage, zu jedem Stichwort mit einem Klick recherchieren, definieren und zuordnen. Jede Wissenslücke kann unmittelbar gestopft werden. Jede Unsicherheit verpufft in wenigen Sekunden. Die Antworten stehen zwar an unzähligen verschiedenen Stellen, aber es reicht ja eine, für die man sich willkürlich entscheidet und dann nimmt man das auf und merkt es sich, um es in geeigneten Diskussionsrunden wieder einzusetzen. Ist ja auch ok, dagegen will ich gar nichts sagen. Nur vorsichtig fragen, ob diese unermesslichen Möglichkeiten nicht dazu führen könnten, dass man etwas verpasst, nämlich die Gelegenheit, auf sich selbst zu hören? Vor allem, wenn es um ein Thema geht, das man „Erziehung“ nennen kann (aber nicht muss)?

Man hört das doch ständig, diesen Satz nach dem Satz: „…So  bin ich erzogen worden!“ An dieser Stelle bleibe ich immer hängen und frage mich, wie das konkret aussah. Und ob wir dich und P. auch bereits in irgendeine Richtung gelenkt haben und ob ihr in zwanzig Jahren das genauso sagen werdet, „…So bin ich erzogen worden!“, und ob das dann eher traurig oder eher stolz klingt.

Wenn ich allerdings an meine eigene Kindheit denke, dann kann ich dazu überhaupt nichts sagen. Einmal habe ich meine Eltern W. und I. deshalb gefragt: Wie habt ihr mich eigentlich erzogen? Und sie haben gestutzt und nach einer Weile gemeint: Keine Ahnung… Dabei sahen ihre großen Augen, mit denen sie mich ansahen, aber überhaupt nicht leer aus, sondern sehr voll – voll mit Liebe natürlich, und zugleich voll mit einer Art Hilflosigkeit, denn es konnte doch nicht sein, dass es für das, was ihnen beim Großziehen ihrer Kinder wichtig gewesen war, keine Worte gab… Aber gerade diese Wortlosigkeit verschaffte mir Erleichterung. Dass es noch Dinge gibt oder Bereiche, die sich jeder Sprache entziehen.

Ich habe zum Beispiel auch hier, im Rahmen dieses Blogs, manchmal versucht, deine und P.’s Gesichtsausdrücke zu beschreiben, was nahezu unmöglich ist. Eure Augen kommentieren unsere Welt und stellen sie bloß, eure Augen „resetten“ uns, gehen mit uns zurück auf Null, entlarven das, worüber wir in Zeitungen lesen und das, was in den Nachrichten zu sehen ist, als etwas zutiefst Erwachsenes, groß und schuldig Gewordenes, etwas das gewesene Kind Vergessendes… Diese Augen sind unbeschreiblich, sie sprechen für sich. Sie bedürfen keiner ausgefallenen Adjektive oder Schubladen. Und genauso sehe ich das, was alle immer mit „Erziehung“ meinen in den niedergeschriebenen oder auf Spielplätzen herumlungernden Ratgebern.

Ich will etwas behalten, das wohl mit dem Begriff „Intuition“ am besten beschrieben werden kann. Etwas im Bauch, das mich von Mal zu Mal neu entscheiden lässt und das mich nicht zu weit von euch entfernt, von dir und von P.. Und ich will über all das Lesen und Sehen und Hören auf keinen Fall vergessen, dass ich selbst ein Kind gewesen bin.

Da war ich vielleicht 7 Jahre alt, und wir saßen mit anderen Familien auf einer norddeutschen Wiese zum Picknicken. Der fremde Mann goss mir Wasser in mein Glas, ich rief laut „Stop!“, aber der Mann hörte nicht auf; ich hätte „Danke!“ sagen müssen, sagte er später. Meine Hand war ganz nass und ich vollkommen verstört. Wie nennt man eine solche Erziehungsmethode? – Ausgeklügelt? Eigen? Erniedrigend?

Nicht alles jedenfalls darf nachschlagbar sein. Ich sehe dir zu und ich höre dir zu, und daraufhin treffe ich Entscheidungen, die sich nicht festmachen lassen, die sich nicht aussprechen lassen, die einfach kommen, weil ich deine Mutter bin und wir uns gut kennen und darauf vertrauen. Das ist wie mit allem, das sich nicht sofort eindeutig bestimmen lässt, was das Leben ja eigentlich so besonders macht, weil es aus Bildern besteht, die vage, verschwommen und unfertig sind und die sich der unbedingten Einordnung erst einmal entziehen.

Neulich – wir waren zu dritt im Park spazieren – hast du plötzlich wie verrückt geschrien, du ließest dich kaum beruhigen. Ich habe dich aus dem Wagen genommen, wir haben uns auf der Stelle hingesetzt und dann haben wir aus dem realen Leben ein Wimmelbuch gemacht und alles gesucht und gefunden.

Mit euch auf Augenhöhe zusammenzuleben, wäre ein Anfang.

 

Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen. Astrid Lindgren

 

Deine A.

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