An die Luft

Ihr Zwei,

eine komische Zeit. Das Land, in dem wir leben, bastelt gerade an einer neuen Regierung. Wie erklärt man das? So viele Worte, die immer nebenbei fallen, während du, D., das Schienennetz verlängerst, damit deine Batterie-Lok unter dem Schrank hindurch und bis zum Esstisch fahren kann: Koalitionsverhandlungen. Sondierungsgespräche. GroKo, Abstimmung, das Scheitern, die Hetze, der Aufstand, Fragezeichen. 

Die Bundestagswahl in dem Jahr, als du, P., zur Welt kamst, scheint die Politiker vor eine allzu schwer lösbare Aufgabe gestellt zu haben. In bewegten Bildern sehen wir krawattierte Zombies mit Augenringen, die aus einer neuen Verhandlungsnacht nur das Beste zu berichten haben. Menschen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind, dürfen ihre Familienmitglieder nicht nachholen, damit sich die am rechten Rand stehenden „Wutbürger“ erst einmal ein bisschen beruhigen. Halt, stopp: Protestwähler, nennen sie sich – nicht „Rechte“. Dabei haben diese Lauten zum größten Teil noch nie Kontakt mit einem Menschen gehabt, der aus seiner von Chaos und Krieg beherrschten Heimat fliehen musste.

Waffen werden von unserem Land aus in alle Welt geliefert. Kriege dauern an. Menschen sterben weiter. Auch Kinder. Sie sind so alt wie ihr. Oder jünger. Oder älter. Ich bin froh, dass ich euch in meiner Verwirrung noch nicht von Angesicht zu Angesicht erklären muss, was gerade um uns herum passiert. Dass ich euch „nur“ diesen konfusen Brief schreibe. Wir müssen euch irgendwann aber antworten, wenn Ihr die ersten Fragen stellt. Was ist Krieg? Was meinen die mit „erschossen“? Wer war eigentlich dieser Hitler? Und schlimmer noch die bis ins Unendliche reichenden Folgefragen – warum, warum, warum? – bis uns Antworten ausgehen und wir mal kurz an die frische Luft müssen. Eine rauchen. Oder zwei.

Wie sehr müssen wir die Lupe ansetzen, um etwas Gewichtiges zu erwidern, sobald ihr in diese Richtung fragt? Wann wird das sein? Morgen, in einem Jahr, in zwei Jahren?

Wie erklärt man, dass so viele Leute um uns herum von einer Art Hass erfüllt sind, der sie im Internet Luft machen? Und nicht nur da. Wie kann es dazu kommen? Wie lässt es sich verhindern?

Was ist Menschlichkeit? Humanität? Was ist menschliches Handeln? Mitgefühl? Hilfsbereitschaft? Und was ist zu tun, damit wir nicht plötzlich mittendrin sind in der Wiederholung dessen, was sich nicht wiederholen darf? Was habt Ihr beide zu tun?

In deiner Kitagruppe, D., kommt die Welt zusammen. Du spielst mit etwa zehn Kindern, die aus unterschiedlichen Ländern kommen. Manchmal, wenn wir dich abholen, schauen wir durch das Guckloch in der Tür, um ein wenig von deinem Alltag mitzukriegen. Ab und zu rutscht ihr alle auf dem Boden herum und pustet gemeinsam einen Wattebausch durchs Zimmer. Das ist ein sehr leises Spiel. Es gibt zwei Tore. Der Wattebausch muss in eines von beiden gepustet werden. Wenn das eine oder einer schafft, klatschen alle, manche führen einen Tanz auf, bevor es in die nächste Runde geht.

Am vergangenen Wochenende fuhr ich mit dir, P., mit dem Bus bis zum U-Bahnhof Kleistpark. Zusammen mit uns stieg ein offenbar betrunkener Vater mit zwei Kindern ein. Der Vater wies seinem etwa elfjährigen Sohn einen Platz neben einem Mann zu, der sich nach Meinung des Vaters zu breit machte. Der Vater fing an, den Mann zu beleidigen. Er nannte ihn einen „scheiß Araber“, hörte nicht auf damit. Dieser Mann stammelte, er verstehe leider nichts. Daraufhin wurde der Vater noch wütender und der Mann stand schließlich auf. Der Vater setzte nun seine etwa achtjährige Tochter auf den freien Platz und wurde von einem weißhaarigen Herren, der die Szene beobachtet hatte, angesprochen. Die beiden Kinder wurden rot. Die Tochter zog immer wieder an der Jacke des Vaters und versuchte ihn zu beruhigen. Aber der war betrunken und wollte laut sein. Kurze Zeit später sprachen der Vater und der Weißhaarige aber ganz ruhig miteinander. Sie redeten plötzlich über ihr Leben. Sprachen von ihren jeweils drei Kindern. Von Arbeitslosigkeit. Von ihrer Herkunft. Der Weißhaarige sagte, er komme aus der Türkei. Der Vater sagte, er komme aus Deutschland. Am Ende gaben sie sich die Hand. Und der Vater ging zu dem, der wegen ihm aufgestanden war, und nickte ihm entschuldigend zu. Auch beschämt irgendwie.

Immerhin. Auch, wenn Shakespeare* bereits um 1600 herum ein Plädoyer gegen den Hass und für mehr Menschlichkeit geschrieben hat, das heute gruselig aktuell ist, scheint es sie noch zu geben, die Hoffnung.

Vorerst also lesen wir. Wir lesen Bücher. So viele wie nur möglich. Geschichten verändern doch die Perspektive, holen euch und uns raus aus diesem Dauer-Ich. Gut, vorerst lesen wir. Wir lesen vor, irgendwann lest ihr selbst, ihr lest und erzählt, lest und fragt und erzählt und hört damit bitte nicht auf.

Eure A. (F. f.)

 

*“Wenn ihr dort auf ein Volk träft, so barbarisch, dass es wild ausbricht in Gewalt und Hass, Euch keinen Platz gönnt auf der weiten Welt, (…) Wenn man mit euch so umging? So geht’s den Fremden, Und so berghoch ragt eure Inhumanität.“ W. Shakespeare, Die Fremden

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