Himmel, bunt!

Liebe P. und lieber D.,

2018 ist jetzt da. Weihnachten, der Jahreswechsel, alles ist rasend schnell an uns vorbeigezogen. Wir waren zusammen in Prag. Auf dem Mond. In der Unterwelt. Sind Zug gefahren. Bagger gefahren. Boot gefahren. Bus gefahren. Vorbei an den bunten Lichtern, deren Reste noch immer die Balkone beleuchten, weil sich die Weihnachtsmenschen vom Glitzer nicht trennen können. Ich liebe diese Tage schon immer. Es kam mir, seit ich mich daran erinnern kann, so vor, als könne mir in dieser Zeit nicht so viel passieren wie sonst. Als Kind brauchte ich keine Angst vor den Lehrern haben, denn die waren alle streng evangelisch und mit Weihnachtsoratorien und Gebeten statt mit der Schikane von Außenseitern beschäftigt. Und später brauchte ich keine Angst vor meinen Arbeitgebern zu haben, war ich schließlich meistens die einzige, die über Weihnachten und Neujahr arbeitete und damit einen Bonus hatte. Ich tat das nicht, damit den Vorgesetzten zu imponieren. Sondern deshalb, weil die Büros mir weniger kühl erschienen und zugleich so gemütlich müde, so wie alles gemütlich müde ist, wenn ein Jahr zu Ende geht.

Noch immer suchst du, D., sobald es dunkel wird, nach dem bunten Himmel. Bist ganz verwirrt, weil Feuerwerk wie Feuerwehr klingt und beides gerade nicht in deinem Blickfeld erscheint nach all den Tagen voller „bumm bumm“ und „tatütata“.

Das Einteilen der Zeit ist euch beiden noch ein Rätsel. Das ist etwas, was alleine für die Großgewordenen so eine immense Bedeutung hat. Das ständige Zählen fremder und eigener Lebensjahre, um etwas zu reden zu haben auf den Straßen, an den Stammtischen und in Frauen- und Männerzeitschriften, die auf der halbherzigen Suche nach dem größten gemeinsamen Verkaufsnenner immer genau dort landen: Jubiläen, Jahrestage, Stichtage, Feiertage, Geburtstage und dem Alter angemessene Lebensweisen.

Jetzt also 2018. Schon wieder so eine unwichtige Zahl. An die wir uns trotzdem immer erinnern werden aufgrund der Dinge, die passieren abseits von kalten Ziffern. Du, D., kommst in einen neuen Kinderladen, der voll ist mit tollen Menschen und einer Haltung zur Kindheit, von der ich dachte, dass wir sie umsonst suchen: kein Japanisch, kein Yoga, kein Morgenkreis – Kinder sollen Kind sein und das so lange wie möglich. Gerade für dich ist das gut. Du bist so schnell aus dem Konzept zu bringen. Willst einfach nicht begreifen, warum du das Bobby Car nachts nicht als Kissen verwenden darfst oder warum die Waschmaschine am Morgen nicht mit in die Kita kommt oder warum du nach drei Stunden aus der Badewanne raus musst, obwohl Wasser doch einfach das Größte ist und immer da sein sollte. Du musst wissen: Ich hasse es, „nein“ zu sagen. Und dein Vater auch. Seit zwei Tagen liegt deshalb auch das Bobby Car dort, wo eigentlich das Kissen wäre…

Und du, P., feierst in diesem neuen Jahr deinen ersten Geburtstag. Nachdem wir am Anfang so gezittert haben – deine Beinchen und Ärmchen waren dünn und die Gelbsucht penetrant – näherst du dich jetzt den neun Kilo an. Morgens, wenn du die Augen aufschlägst, lächelst du erst einmal breit, so dass sich die Wangenknochen nach oben schieben und die Babyhaut im schwachen ersten Licht des Tages so spätweihnachtlich schimmert. Ein paar Augenblicke später kommst Du, D., ins Zimmer gerannt. Hältst in der Hand deinen Elch und einen der Hunde, die allesamt „Punto“ heißen (so wie das Tier von Opa und Oma) und rufst nach deiner Schwester, die jetzt noch mehr leuchtet, sobald sie dich sieht.

Dieses Berlin, das Ende Dezember noch so im Halbschlaf vor sich hindämmerte, wacht wieder auf und stülpt sich über uns.

Wenn ich dich, D., zusammen mit P. abholen komme, achte ich an den drei Bahnhöfen, die wir passieren, auf die Anzeigetafeln. Wisst Ihr, was schön ist? Dass die Endhaltestellen, die dort angezeigt sind, ohne Unterlass ein bisschen Dorfgefühl in die Stadt holen. Nicht zu sehr. Nur so, dass einem klar wird, dass es außerhalb des asphaltierten Riesen noch mehr gibt und dass es dort vielleicht gerade nach frisch gebackenem Brot riecht.

Habt ein wunderschönes neues Jahr.

Eure A.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s