Nikolaustag

Lieber D.,

Ich stehe in der S-Bahn. Meine rechte Hand hält den Kinderwagen, mit der linken stütze ich deinen Kopf. Die Leute, die hier mit uns einsteigen, verschmelzen zu einer herzlosen Masse. Es ist egal, wie klein Ihr seid: Hier müsst Ihr irgendwie durch. Hier wirst du zu einem Ellenbogen- und Großstadtkind, das lediglich von A nach B wollen darf und sonst nichts.

Ganz so weit bist du aber noch nicht, du schaust mich ständig von unten mit großen Augen an, sagst ganz leise „An-gst, An-gst“, das Wort ist neu, ich hätte mir gewünscht, dass es länger dauert, bis du es lernst. Nachdem wir an der Station Schöneberg das überfüllte Abteil verlassen haben, sprinten wir zum Aufzug („Auf-hug“, sagst du), du darfst drücken, lächelst schon wieder.

In der Ringbahn ist es um diese Zeit meistens leerer. Du darfst dich sogar auf einen richtigen Platz setzen und musst nicht auf dem Trittbrett bleiben, welches mit P.s Kinderwagen verschraubt ist und ständig für überraschte, entsetzte, belustigte oder spottende Mienen ums uns herum sorgt. Etwa zehn Minuten dauert die letzte Etappe. Vorbei am Tempelhofer Feld. Vorbei an unserer alten Hermannstraße, Heimat für meine letzten drei Jahre, Heimat für die ersten zwei Jahre deines Lebens.

Ich schaue mir die Leute an. In der Ecke nahe der Tür hält sich das Junkiemädchen gerade noch aufrecht. Sie fällt vor allem durch ihren Geruch auf, nicht durch ihre dünne Stimme, die kaum jemand bemerkt. Du zeigst mit deinem Finger auf das Mädchen, siehst mich fragend an. Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll, versuche genauer hinzuhören, um dir später, wenn wir draußen sind, davon zu erzählen. Das Mädchen sagt, sie heiße Irina. Sie sei siebzehn, habe keine Eltern mehr. Sie sagt, sie sei heroinabhängig, anders halte sie ihr Leben nicht aus und außerdem sei es so kalt draußen. Ihre Stimme wird immer weinerlicher, ihre Augen gehen nicht auf. Keiner der Leute nimmt Notiz von ihr. Ich ja irgendwie auch nicht. Ich meine, ich tue nichts. Älter als siebzehn scheint sie wirklich nicht zu sein. Sie sagt: „Geben Sir mir bitte Geld für Essen oder Schlafen oder was zum Anziehen.“ Eine sehr dicke Frau mit blondem Haar lächelt uns an. Der Mann mit diesem gelbschwarzen Blindenabzeichen taucht tief in den Kinderwagen deiner Schwester ab und sagt: „Ein hübsches Kind!“ Als wir am S-Bahnhof Neukölln ankommen, ist der Lift ausgefallen. Ich will dich und P. die Treppen heruntertragen. Zwei kleine Personen – Mutter und Kind – bieten mir ihre Hilfe an. Die Mutter nennt ihren Sohn „Digga“. Los, fass mit an, Digga! Digga und seine Mutter tragen P. mit großer Anstrengung die vielen Treppen herunter, während sich hinter ihnen ein riesiger Mann aufbaut und sich lautstark über uns aufregt: „Scheiß Kinder, gehts noch langsamer?“ Links und rechts ziehen Menschenmassen vorbei. Es bleibt überhaupt keine Zeit, über all das nachzudenken, der Strom bricht nicht ab. Irgendwo in einer Nische stelle ich dich und P. und mich ab und atme einmal tief durch.

Ungefähr fünfzehn Minuten später. P. und ich haben dich in der Kita gelassen und sind jetzt wieder allein in der S-Bahn, die uns zurück in die neue Gegend bringt. Wieder sehe ich mich um. Alle Menschen, mich eingeschlossen, kommen mir plötzlich so schrecklich krank vor. Ich sehe überall Pusteln, Pickel, fahle Hautfarbe und riesige Leberflecken. Ich sehe überall traurige Gesichter, aufgehaltene Hände, glitzernde Punkte in den Augenwinkeln. Und ich frage mich plötzlich, wie das wäre, wenn allen Menschen hier gleichzeitig Steine auf den Kopf fielen. Wie das wäre, wenn alle auf einmal ihre gesamte Vergangenheit über Generationen hinweg vergessen haben. Wie das wäre, wenn es ein gewaltiges, allumfassendes Reset gäbe, alles auf Anfang, alles auf Null, hierzulande, wo es uns doch so unfassbar gut geht, wo kaum einer ums Überleben kämpft, aber alle darum, mehr zu haben oder den Begriff des Erfolges bis zur Besinnungslosigkeit drehen und wenden, immerzu, vierundzwanzig Stunden am Tag. Keiner sieht, was beim anderen ist. Gerade hier. Gerade hier, wo doch jeden Abend eine Milliarde Veranstaltungen den „Diskurs fördern“ möchten, wo eine Debatte der nächsten folgt, ein Skandal nach dem anderen, Shitstorm um Shitstorm, während sich in der verdammten S-Bahn alle kaputtignorieren. Und du? Du zeigst auf das Junkie-Mädchen und willst wissen, warum sonst niemand guckt. Du kriegst das große Heulen, wenn du einen Verband siehst, weil das mit „Aua“ zu tun hat und aua kennst du schon, das ist nichts Gutes. Du siehst die Dinge, die ich nicht mehr sehe, weil ich einer dieser beschissenen Großstädter geworden bin, der immer so cool vor sich hinläuft und will, dass man ihm ansieht, dass er alles um sich herum voll gut regelt.

Gleich ist es wieder so weit. Wir fahren durch die halbe Stadt, um dich zu holen. Vielleicht fällt mir ein Stein auf den Kopf. Heute, am Nikolaustag.

Deine A.

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