Hey, alles glänzt, so schön neu*

Liebe P., lieber D.,

lange Zeit habe ich keinen Brief geschrieben. Nun sind wir fort aus Neukölln. Der neue Platz heißt Friedenau. Also eigentlich ist es Steglitz, aber da unsere Wohnung genau auf der Grenze liegt, darf man auch Friedenau sagen. Ist mir lieber, weil ich bei Steglitz immer an fensterhohe Kakteen denken muss, und diese Kakteen, die riechen dann auch noch nach Fritteuse. Damit tue ich Steglitz vielleicht Unrecht, aber – 

Jedenfalls sind wir nach Friedenau gezogen. Die letzten Wochen waren Chaos. Der kleine Abschied. Das ständige Schleppen der Dinge quer durch diese riesige Stadt. Und unser Leben auf einer Baustelle. Zwischen Kartons, Rigipswänden, nackten Glühbirnen und Flüchen – ständig tritt man auf irgendetwas Spitzes, und zwar nicht nur auf Legosteine und Bauklötze, sondern auch auf allerlei Schrauben und Lehmbrocken.

Der Morgen und der Nachmittag, wenn ich dich, D., zusammen mit P. zur Kita bringe, ist ein hektischer Krimi. Ich könnte derzeit einzig und allein über unsere innerstädtischen Reisen schreiben. Ständig passieren Dinge, die uns beim alltäglichen Gang über die Jonasstraße natürlich niemals passiert wären. Es ist jetzt ein tägliches Wettrennen. Wenn wir um viertel nach acht das Haus verlassen, stellt sich die Frage: Schaffen wir das bis halb zehn? Oder geraten wir an unüberbrückbare Hindernisse, so wie die leuchtenden Schriftbänder, die sich plötzlich auf den Anzeigetafeln am S-Bahnsteig einblenden und sämtliche Worst-Case-Szenarien abspielen: Bombenentschärfung zwischen hier und da vorne, bitte kehren Sie sofort um und denken Sie sich eine weiträumige Umfahrung aus. Oder: Wegen eines Polizeieinsatzes mit Schusswaffengebrauch bitten wir Sie um Geduld. Oder einfach: Technischer Defekt, während der Bahnsteig voller und voller wird und den Leuten egal ist, ob das hier ein Kinderwagen oder ein Rollator ist, Hauptsache unser Gefährt wartet, weil es schließlich nicht zur Arbeit muss. Einmal beschimpfte uns eine mittelalte Dame: Können Sie mit ihren Kindern nicht das Auto nehmen? Ich konnte darauf erst Stunden später reagieren, da war sie natürlich schon weg.

Wir müssen spätestens um halb zehn an der Kita sein. Wer drei Mal unpünktlich ist, bekommt ein Gespräch mit der Leitung und einen Verweis. Daran erinnert Ihr Euch vielleicht nicht mehr, wenn Ihr das mal lest, aber so ist es. Einen Verweis von der Kita zu bekommen, wäre natürlich nicht tragisch, aber trotzdem setzt es mich ungeheuer unter Druck. Das ist so ein bisschen vergleichbar damit, dass ich nicht schwarz fahre. Ich fürchte weniger das Bußgeld (das würde sich sogar lohnen vor dem Hintergrund der Preise von Monatstickets) als die Scham beim Erwischtwerden. Wenn einen alle so anstarren und man plötzlich auf dem Podest steht und mit nach faulen Tomaten riechenden Blicken beschmissen wird. Jedenfalls: Wir beeilen uns so sehr, dass wir bislang immer gegen 9 an der Kita ankommen und noch ein wenig Zeit zum Trödeln haben.

So ein Tag ist voll und laut. Am Abend spann ich dich, P., vor den Bauch, und wir rauschen  gemeinsam durch die Dunkelheit zum Laden, um noch irgendetwas für unsere provisorische Herdplatte zu kaufen, die Küche geht ja noch nicht. Der kurze Weg zum Supermarkt kommt mir vor wie die Naht, die diesen und den nächsten Tag zusammenhält. Von hier aus gehe ich noch einmal alles durch, was heute war. D: Du sagst jetzt „Polster“, „Tisch“, „Teller“, „Treppe bauen“, „das auch“, „Zahnbürste“ und „Müsli mit Milch“! Außerdem willst du jeden Abend Rührei essen und freust dich über jetzt gerade, weil dich das, was kommt und das, was war kein bisschen interessiert. Und P: Du hast ein Mondgesicht bekommen und einmal täglich eine Art Lachanfall, der von sehr tief unten kommt und so rauchig klingt, als wärst du eine Blues-Sängerin.

Wir gehen um das Haus herum, drei Kurven über den Hinterhof. Unsere Wohnung ist hell erleuchtet.

Eure A.

 

*P. Fox, Alles neu

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