Clausholm

Lieber D., liebe P.,

Die Stille hämmert gegen das Ohr. So wird es beim Abendessen gesagt. – Die Stille hämmert gegen das Ohr. Ich habe das in diesen Worten noch nicht gedacht. Immerhin gibt es hier Bagger. Lüftungen. Schnarchgeräusche. Meeresrauschen. 

Andererseits: Ja, doch. Die vollkommene Stille kann wohl, wenn sie da ist, bedrohlich werden. Wenn wirklich nichts anderes zu hören ist als der Wind, der die von Menschen gemachten Sonnenschirme knarzen lässt.

Mal wieder erste Male:

Das erste Mal, dass du, D., unaufhörlich gerufen hast: „Wann sind wir endlich da?“

Das erste Mal, dass du, P., so richtig gelaufen bist. Taps Taps Taps. Aufstehen, fallen, aufstehen, fallen, aufstehen, fallen.

Das erste Mal ein Urlaub woanders. Zu viert.

Acht Stunden Autobahn. Etwa zwei davon waren Pausen.

Und dann, als wir euch endlich nicht mehr belogen mit dem Versprechen, unser Ziel würde hinter der nächsten Kurve liegen: der Blick aufs Meer.

Das Meer hier hat das Blau deiner Augen, P.

Der Himmel hier hat das Blau deiner Augen, D.

Und ihr habt nur mit dem ganzen Gesicht gelacht, beim ersten Gang auf den Strand, der uns ganz alleine gehört. D., du rennst am ersten Abend wie verrückt hin und her, schreist vor Glück und hast eine ungeheure Angst vor den Wellen; eine Angst, die du irgendwie noch in deinem riesigen Lächeln unterbringst.

Du isst kaum, willst nichts trinken, willst nur ans Meer. Rennst und springst, sobald du das alles siehst. Bist so, wie du vielleicht auch zuhause wärst, gäbe es die ganzen Straßen, Autos und Häuser nicht, gäbe es einen Horizont, dauerhaft, die Weite, in der ich dir besser als zwischen Asphalt erklären kann, was es mit der Kugel auf sich hat und mit Entfernungen. Du befürchtest nämlich, bei aller Schönheit, dass wir für immer hier bleiben. Dass wir nicht mehr nach Hause fahren und alles Bisherige abgeschlossen ist. Und du fürchtest dich vor Neuem und davor, dass Vertrautes wegfällt, einfach so. Und ich verstehe dich so gut. Stehe mit dir vor dem offenen Meer. Und versuche dir zu erklären, was Zuhause bedeutet, warum wir so lange fahren mussten, dass das Meer nicht vor unserer Haustür liegt, und du fragst, „Warum?“, und ich muss diese schreckliche Antwort geben, „Das ist nun mal so.“

„Ich will das mitnehmen.“ —

„Das Meer?“ —

„Ja.“

Später am Abend sitze ich mit dir, P., auf der Terrasse ohne Meerblick und versuche, mitzuschreiben. Ich habe dich gerade ins Bett gebracht. Schob deinen Kinderwagen dafür über hügeliges Land, du warst binnen Minuten im Tiefschlaf.

Die Stille hämmert gegen das Ohr. Für einen Moment überkommt mich dieses beklemmende Gefühl, aber da fangt ihr beide – P. von nebenan und D. aus dem ersten Stock – zu schreien an. Vielleicht habt ihr Hunger. Vielleicht Durst. Meine Angst vor der Stille jedenfalls ist weg. Sie schwappt mit den Wellen gegen die Hagebuttenbüsche.

Eure A.

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