Verschwundene Telefone, passierte Fotos und das schlimmste Wort

Lieber D.,

das Handy ist in diesen Tagen andauernd verschwunden! Du nimmst es mit auf deine Streifzüge durch die Wohnung. Irgendwann taucht es dann wieder auf. Und noch später, wenn ich an irgendeiner Bushaltestelle beim Warten durch die Bilder klicke, dann erscheint unter den „neuen Fotos“ eines, das ich nicht gemacht habe.

Meistens sind diese Bilder und Videos sehr kryptisch, oft schwarz oder man erkennt nach einigem Rätseln das Muster des Sofas oder der Wand. Manchmal aber sieht man auf den ersten Blick, was du gesehen hast: Das Bücherregal zum Beispiel. Aus einer Perspektive, die ich noch nicht kannte. 

Die Bücher sind unsere Rettung. Du hast sie schon ganz früh angestarrt, hast vielleicht das „Geheimnis“ erkannt, lauter rechteckige Pakete, die noch verschlossen sind und die darauf warten, geöffnet und gelesen zu werden. Lauter Geschichten, die wir dir erzählen. Ein bisschen geht es mir gerade ähnlich. Ich schaue mir die Regale an und wünschte, dahinter zu kommen, so wie du. Weil die Zeit und die Wachheit fehlen, nehme ich, was du mir gibst. Nick und der Wal. Sachen suchen. Das große Buch der Bilder und Wörter. Und der Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Du kommst angerannt und schreist „Wow, wow, wow“ und „Oh, oh, oh“ und das kurze helle „Ja!“, auf die dämliche Frage, ob man dir etwas vorlesen soll (viel mehr reden magst du gerade noch nicht). Und dann drehst du dich um, wartest darauf, dass man dich auf den Schoß hebt und dann geht es los. Jedes Mal ist anders. Und weil du vor uns sitzt, haben wir deine Perspektive. Deine Perspektive auf all das, was du gerade kennenlernst, so plötzlich reingeworfen ins Leben und unfassbar überrascht über die Dinge, die alle „wow wow wow“ und „da da da“ sind und die du dir nicht oft genug anschauen willst, als wolltest du prüfen, ob es sich auch lohnt, die zu den Bildern passenden Begriffe auswendig zu lernen. Draußen im Freien erkennst du sie wieder. Dein Zeigefinger wandert die Straßen ab, umreißt die Konturen des Sichtbaren – und ich?

Ich stehe an der Bushaltestelle, entdecke das Bild, das du für mich gemacht hast, sehe dein Grinsen vor mir und muss kurz hoch springen (mit P. zusammen in der Trage vor dem Bauch), weil ich mich so sehr darauf freue, dir Mio vorzulesen, den kleinen Wassermann und Lukas, den Lokomotivführer. Und mit dir das einzige zu tun, was ich unter „Erziehung“ (das schlimmste Wort von allen) verstehen will: dir die Welt in Geschichten zu erzählen; ganz kleine Geschichten, die an den Rändern der Straße passieren und für die es wichtig ist, genau hinzusehen, damit kein Detail verloren geht.

Deine A.

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