Unter der Wolke

Liebe P., lieber D.,

manchmal zieht alles zu. Das ist dann, als hätten sich sämtliche Wolken am Himmel miteinander verabredet. Und dann kuscheln sie sich ganz eng aneinander und haben es warm und wahrscheinlich wäre das sogar schön, wenn man selbst eine Wolke wäre. Aber ich bin keine Wolke. Ich bin unter der Wolke. Und ihr auch. Und da wird es nun mal sehr dunkel, wenn sämtliche Wolken da oben keinen Lichtstrahl mehr durchlassen, und so ist das im Moment auch. Das Wort heißt „Corona“, ich habe schon versucht, es euch zu erklären, aber ihr lacht immer weiter und denkt nicht groß darüber nach. Was sicher gut ist.

Alle Menschen haben eine grau-diffuse Angst in den Augen. Sie huschen aneinander vorbei, am liebsten geht niemand mehr raus, weil da draußen so ein Virus ist, das alle krank macht, und das heißt Corona. Wir alle können dieses Wort schon nicht mehr hören. Eigentlich gibt es nämlich kein anderes Wort mehr. Und kein anderes Thema. Und wir kommen uns vor wie in einem schlechten Weltuntergangsfilm mit einem infizierten Bruce Willis in der Hauptrolle, und der schafft es dann in allerletzter Sekunde… ach, keine Ahnung.

Jedenfalls, so etwas hab ich noch nie erlebt. Alles wirkt so, als wäre es bald zu Ende. Das ist eine Art von Angst, die sich nicht greifen lässt. Ich arbeite wie besessen, ich versuche, euch wie besessen mit meiner Liebe zu überschütten, ich weine, ich gucke mir die Welt vom Balkon aus an und schaue in den Himmel und spreche mit diesen dummen Wolken, die kein bisschen Licht durchlassen wollen – aber das ist denen vollkommen egal.

Das Verrückte in dieser Zeit ist, dass dann drumherum auch noch weitere Dinge passieren, die nichts mit Licht oder Hoffnung oder Schönheit zu tun haben. Da oben hängen also plötzlich nicht nur Corona-Wolken rum, sondern auch noch andere. Ich wünsche mir gerade einen Ort, an dem ich keine Angst haben muss. An dem wir auf Traktoren klettern und spielen können, dass wir zusammen ans Meer fahren. An dem wir Hasen und Schafe und Ziegen mit Möhrchen und Salat füttern. An dem alle irgendwie total freundlich zueinander sind und nicht so wahnsinnig misstrauisch oder argwöhnisch oder böse oder panisch…

Nehmt mir diesen sehr dunklen und etwas hilflosen Brief nicht übel, Ihr zwei Lieben. Ihr  seid längst im Bett und träumt von netten Leoparden und ADAC-Spielzeug-Autos. Ich bin mit meinen Gedanken ganz nah bei euch. Und ich wünsche mir so, dass alle Leute da draußen gesund sind oder gesund werden und dass dieser seltsame Spuk bald ein Ende hat.

Ich bin immer für euch da.

Eure A.

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